Der genaue Ablauf der Autismus-Diagnostik

Strukturiert, mehrperspektivisch und mit mehreren diagnostischen Bausteinen

Eine fundierte Autismus-Diagnostik besteht nicht aus einem einzelnen Test. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener diagnostischer Verfahren, die unterschiedliche Aspekte des Erlebens und Verhaltens erfassen.

Unsere Diagnostik kombiniert deshalb standardisierte Fragebögen, Fremdanamnese, gezielte Verhaltensbeobachtung und ein strukturiertes ergänzendes Interview. Zusätzlich werden wichtige mögliche Alternativerklärungen und Begleiterkrankungen systematisch berücksichtigt.

Dabei gilt: Kein einzelnes Verfahren entscheidet über das Vorliegen einer Autismus-Spektrum-Störung. Erst die gemeinsame Bewertung aller erhobenen Informationen ermöglicht eine diagnostische Einschätzung.


1. Erhebung der aktuellen Lebenssituation und Alltagsbeeinträchtigungen

Zu Beginn wird erfasst, wie sich die vermuteten Schwierigkeiten im heutigen Alltag konkret zeigen.

Dabei geht es beispielsweise um:

  • soziale Kommunikation und zwischenmenschliche Situationen
  • Umgang mit Veränderungen und unerwarteten Ereignissen
  • Planung und Strukturierung des Alltags
  • Reizverarbeitung und Überempfindlichkeiten
  • wiederkehrende Verhaltensweisen und Gewohnheiten
  • berufliche und soziale Anforderungen
  • Erholungsbedarf nach sozialen oder belastenden Situationen
  • Auswirkungen der beschriebenen Schwierigkeiten auf die Lebensführung

Besonders wichtig ist dabei die Frage, ob und in welchem Ausmaß die beschriebenen Merkmale tatsächlich zu relevanten Einschränkungen im Alltag führen.


2. Erfassung autismusbezogener Merkmale

Ein ausführlicher standardisierter Fragebogen erfasst zentrale Merkmale, die bei einer Autismus-Spektrum-Störung auftreten können.

Dabei werden insbesondere Bereiche wie

  • soziale Interaktion,
  • Kommunikation,
  • Umgang mit Veränderungen,
  • Aufmerksamkeit und Interessen,
  • Detailwahrnehmung,
  • Routinen und repetitive Verhaltensweisen

betrachtet.

Ein weiterer Fragebogen konzentriert sich speziell auf eingeschränkte und repetitive Verhaltensmuster. Er untersucht unter anderem Routinen, ausgeprägte Interessen, wiederkehrende Handlungen und das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit.

Diese Verfahren liefern wichtige standardisierte Hinweise, ersetzen jedoch nicht die klinische Beurteilung.


3. Erfassung von Anpassungs- und Maskierungsstrategien

Gerade bei Erwachsenen können autismusbezogene Merkmale durch langjährige Anpassungsstrategien weniger offensichtlich sein.

Deshalb wird zusätzlich untersucht, in welchem Umfang eine Person beispielsweise

  • soziale Verhaltensweisen bewusst beobachtet und nachahmt,
  • Gesprächsregeln bewusst erlernt,
  • eigene Reaktionen kontrolliert,
  • soziale Situationen intensiv vorbereitet,
  • Schwierigkeiten in sozialen Situationen nach außen kompensiert oder
  • das eigene Verhalten an die Erwartungen anderer anpasst.

Dieser diagnostische Baustein ist insbesondere deshalb relevant, weil äußerlich unauffälliges Verhalten nicht automatisch bedeutet, dass keine autismusbezogenen Schwierigkeiten bestehen.

Gleichzeitig ist auch hier zu berücksichtigen, dass solche Anpassungsstrategien nicht ausschließlich bei Autismus vorkommen. Die Ergebnisse werden daher immer im Zusammenhang mit den übrigen diagnostischen Befunden bewertet.


4. Abklärung von Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen

Da sich bestimmte Schwierigkeiten sowohl bei Autismus als auch bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zeigen können, wird die Aufmerksamkeit und Selbststeuerung gesondert untersucht.

Erfasst werden unter anderem:

  • Konzentrationsfähigkeit
  • Ablenkbarkeit
  • gedankliches Abschweifen
  • Organisation und Planung
  • Aufschieben von Aufgaben
  • Zeitmanagement
  • Impulsivität
  • innere oder äußere Unruhe
  • Schwierigkeiten bei der Regulation von Aufmerksamkeit

Dieser diagnostische Baustein dient sowohl der Erfassung möglicher ADHS-Merkmale als auch der differentialdiagnostischen Einordnung von Überschneidungen zwischen ADHS und Autismus.


5. Abklärung emotionaler und psychischer Begleitfaktoren

Autismusähnliche Beschwerden können durch andere psychische Belastungen verstärkt oder teilweise erklärt werden. Gleichzeitig können Depressionen, Angststörungen oder traumatische Belastungsfolgen zusätzlich zu einer Autismus-Spektrum-Störung auftreten.

Deshalb werden standardisierte Fragebögen zur Erfassung von

  • depressiven Symptomen,
  • Angstsymptomen und
  • traumabezogenen Belastungssymptomen

eingesetzt.

Die Ergebnisse dienen nicht nur der Erfassung möglicher Begleiterkrankungen. Sie helfen auch dabei, alternative Erklärungen für soziale Rückzugstendenzen, Überforderung, Konzentrationsprobleme oder emotionale Belastungen differenzierter zu beurteilen.


6. Abklärung von Merkmalen der emotionalen und zwischenmenschlichen Regulation

Bestimmte Schwierigkeiten in Beziehungen, bei Emotionen oder bei der Selbstregulation können sich mit autismusbezogenen Merkmalen überschneiden.

Daher wird zusätzlich geprüft, ob Hinweise auf ein ausgeprägtes Muster von beispielsweise

  • instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen,
  • starker emotionaler Reaktivität,
  • Verlassenheitsängsten,
  • Identitätsunsicherheit,
  • Impulsivität oder
  • Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation

bestehen.

Auch dieses Verfahren stellt keine Diagnose für sich allein. Es dient dazu, mögliche differentialdiagnostisch relevante Merkmalsmuster frühzeitig zu erkennen und anschließend im diagnostischen Gespräch genauer einzuordnen.


7. Erfassung der sensorischen Verarbeitung

Sensorische Besonderheiten können einen wichtigen Bestandteil des individuellen Erlebens darstellen.

Ein eigener Fragebogen untersucht deshalb die Verarbeitung verschiedener Sinnesreize, beispielsweise:

  • Geräusche
  • Licht
  • Berührungen
  • Gerüche
  • Geschmack
  • visuelle Reize
  • körperliche Reize
  • Hintergrundreize und Reizüberflutung

Dabei wird nicht nur erfasst, ob bestimmte Reize als unangenehm empfunden werden. Von Interesse ist insbesondere, wie stark sensorische Besonderheiten den Alltag beeinflussen und ob sich daraus typische Überforderungs- oder Vermeidungsreaktionen ergeben.


8. Fremdanamnese

Autismus ist eine neuroentwicklungsbezogene Störung. Deshalb ist die Entwicklung in Kindheit und Jugend für die diagnostische Beurteilung von besonderer Bedeutung.

Wenn möglich, wird daher zusätzlich eine Fremdanamnese erhoben.

Hierfür kann eine nahestehende Person einen strukturierten Fragebogen zu früheren und aktuellen Beobachtungen ausfüllen.

Erfragt werden beispielsweise:

  • soziale Kontakte in Kindheit und Jugend
  • Spielverhalten
  • Kommunikation
  • Umgang mit Veränderungen
  • besondere Interessen
  • Routinen und Gewohnheiten
  • sensorische Besonderheiten
  • auffällige oder ungewöhnliche Verhaltensweisen
  • Entwicklung im familiären und schulischen Umfeld

Die Fremdanamnese dient dabei als zusätzliche Informationsquelle. Sie ist nicht mit einer unabhängigen Diagnostik gleichzusetzen und wird mit den Angaben der untersuchten Person abgeglichen.

Wenn keine geeignete Auskunftsperson zur Verfügung steht, wird die Diagnostik nicht automatisch unmöglich. Die Aussagekraft einzelner entwicklungsbezogener Befunde kann dann jedoch entsprechend eingeschränkt sein.


9. Strukturierte Verhaltensbeobachtung

Neben Fragebögen und Anamnesedaten wird das Verhalten im diagnostischen Kontakt gezielt beobachtet.

Dabei wird unter anderem darauf geachtet, wie die Person

  • ein Gespräch beginnt und aufrechterhält,
  • auf Fragen reagiert,
  • eigene Erlebnisse und Erfahrungen beschreibt,
  • zwischen verschiedenen Gesprächsebenen wechselt,
  • soziale Hinweise aufnimmt,
  • nonverbale Kommunikation einsetzt,
  • über persönliche Interessen spricht,
  • mit offenen oder unerwarteten Fragen umgeht und
  • auf Veränderungen innerhalb der Gesprächssituation reagiert.

Die Beobachtung erfolgt strukturiert und anhand definierter diagnostischer Beobachtungskriterien.

Dabei wird ausdrücklich berücksichtigt, dass insbesondere Erwachsene ihre sozialen Verhaltensweisen teilweise bewusst kompensieren oder erlernte Strategien einsetzen können.


10. Strukturiertes ergänzendes Autismus-Interview

Im diagnostischen Gespräch werden die bisherigen Ergebnisse zusammengeführt und gezielt offene Fragen vertieft.

Das strukturierte Interview dient insbesondere dazu,

  • widersprüchliche Angaben zu klären,
  • konkrete Beispiele aus dem Alltag zu erfragen,
  • die Entwicklung seit der Kindheit nachzuvollziehen,
  • soziale Kommunikation und Interaktion genauer zu beurteilen,
  • repetitive Verhaltensmuster und Interessen zu überprüfen,
  • sensorische Besonderheiten einzuordnen,
  • Maskierungs- und Anpassungsstrategien zu berücksichtigen und
  • mögliche alternative Erklärungen zu prüfen.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, lediglich bereits ausgefüllte Fragebögen mündlich zu wiederholen. Das Interview soll vielmehr diagnostisch relevante Zusammenhänge und offene Fragen klären, die sich aus den bisherigen Untersuchungsschritten ergeben.


Wie die einzelnen Verfahren zusammengeführt werden

Die diagnostische Einschätzung basiert auf der Gesamtschau aller Befunde.

Dabei werden insbesondere folgende Informationsquellen miteinander verglichen:

Selbstauskunft → standardisierte Fragebögen → Fremdanamnese → Verhaltensbeobachtung → strukturiertes Interview → differentialdiagnostische Bewertung

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage, ob die beobachteten und berichteten Merkmale

  1. bereits in der Entwicklung beziehungsweise Kindheit und Jugend erkennbar waren,
  2. über verschiedene Lebensbereiche hinweg auftreten,
  3. sich in typischer Weise auf soziale Kommunikation und Interaktion sowie auf repetitive Verhaltensmuster beziehungsweise das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit beziehen,
  4. zu relevanten Beeinträchtigungen oder einem erheblichen Anpassungsaufwand führen und
  5. nicht besser durch eine andere psychische Störung oder eine andere Erklärung verständlich werden.

Warum wir mehrere diagnostische Verfahren einsetzen

Ein einzelner Fragebogen kann weder eine Autismus-Spektrum-Störung sicher bestätigen noch ausschließen.

Gerade bei Erwachsenen können die Ausprägungen sehr unterschiedlich sein. Manche Betroffene haben im Laufe ihres Lebens umfangreiche soziale Strategien entwickelt und erscheinen deshalb im direkten Kontakt zunächst weitgehend unauffällig. Bei anderen stehen dagegen deutliche soziale Schwierigkeiten, Routinen, sensorische Besonderheiten oder ausgeprägte Spezialinteressen im Vordergrund.

Durch die Kombination verschiedener diagnostischer Perspektiven lassen sich solche unterschiedlichen Erscheinungsbilder besser berücksichtigen.

Unser Ziel ist daher nicht, anhand eines einzelnen Testwertes eine Diagnose zu vergeben, sondern ein möglichst umfassendes und nachvollziehbares klinisches Gesamtbild zu gewinnen.


Der diagnostische Prozess auf einen Blick

1. Anamnese und Erfassung der aktuellen Lebenssituation

2. Standardisierte Erfassung autismusbezogener Merkmale

3. Untersuchung von repetitiven Verhaltensmustern und Routinen

4. Erfassung von Maskierung und sozialen Anpassungsstrategien

5. Abklärung von Aufmerksamkeit und Selbststeuerung

6. Erfassung von Angst, Depression und traumabezogenen Belastungen

7. Prüfung differentialdiagnostisch relevanter emotionaler und zwischenmenschlicher Merkmale

8. Erfassung sensorischer Besonderheiten

9. Fremdanamnese zur Entwicklungs- und Lebensgeschichte

10. Strukturierte Verhaltensbeobachtung

11. Strukturiertes ergänzendes Autismus-Interview

12. Zusammenführung und klinische Gesamtbeurteilung; Befundbericht in Abschlusssitzung und per E-Mail

Am Ende steht keine einzelne „Testdiagnose“

Die abschließende Einschätzung ergibt sich aus der Integration sämtlicher diagnostischer Informationen.

Dabei werden sowohl Hinweise, die für eine Autismus-Spektrum-Störung sprechen, als auch Befunde berücksichtigt, die gegen eine solche Diagnose sprechen oder auf andere Erklärungen hinweisen.

So entsteht eine differenzierte diagnostische Beurteilung statt einer allein auf Fragebogenwerten beruhenden Entscheidung.